Postdoc-Project:

HOLES IN INTERMEDIATE IMAGERY -

DAS LOCH IM INTERMEDIALEN KONTEXT

Das Loch, lat. lacuna, verkörpert ein Paradoxon: eine Entgrenzung des Raumes in Form eines zumeist runden, umschlossenen Hohlraums mit rätselhaftem Inhalt oder in der Negation eines solchen, das Nichts. Im Modus des Verbergens und des Verborgenen wirkt das Loch auf sein Umfeld ein. Sichtbar wird es als „okkulte, immaterielle Entität“ (Lewis & Lewis 1970, S. 206; Varzi 2019, S. 22) jedoch erst durch den materiellen Raum, den es umgibt. Folglich benötigt das Loch immer einen Träger, um mit diesem eine nahezu „parasitäre“ (Varzi 2019, S. 22) Verbindung einzugehen. An diese Überlegungen anknüpfend ist meine These, dass Form und Gestalt des Loches vor allem durch die medialen Eigenschaften des jeweiligen Trägers und des Kontextes bestimmt werden. Anhand dieses Zusammenspiels werden insbesondere in der Kunst und visuellen Kultur der Moderne und Gegenwart medien- und bildreflexive Strategien anhand von Löchern offenbar, zu denen neben dem horror vacui oder horror
nihili, die Absorption, die Immersion und die Abjektion gehören. Das Ziel des Forschungsprojektes ist es, eine Systematisierung und Topologisierung des Loches im Hinblick auf die vielgestalten intermedialen Sichtbarkeits- und Wirkungsformen zu entwickeln. Die posthume Publikation Das Loch. Beobachtungen vom Schwinden des Seins von Wolfgang Hagen eröffnet neue Perspektiven, das Loch auch im Hinblick auf die Technikgeschichte eingehender zu untersuchen (Hagen 2022, S. 29-71) und Verbindungen zwischen dieser und künstlerischen Praktiken und der Visuellen Kultur herauszustellen.

Denn um Löcher zu untersuchen, müssen sowohl die Form der Objekte, ihrer Träger, miteinbezogen werden, als auch ihre Disposition zu interagieren. Dafür sei die Art und Weise, wie Löcher erzeugt, modifiziert, eingesetzt, zerstört und vor allem wahrgenommen werden entscheidend (Varzi 2019, S. 25). Da Löcher nicht alleine existieren können, sind sie abhängig von einem „Wirt“ und dessen Oberfläche. Dabei handelt es sie bei Löchern nicht um Abstraktionen, sondern um Individuen, obwohl sie aus nichts weiter als aus Raum bestehen. Dennoch sind sie nicht Teil des materiellen Trägers, auf dem sie sich befinden, obwohl sie auch durch Fragmentierung, das Entfernen eines Teils des Trägers, entstehen können. Bei Löchern handelt es sich nach Varzi um „immaterielle Körper“, ansässig auf einem „Wirt“, auf und mit dem sie besondere Eigenschaften demonstrieren (Ebd., S. 26).

In dieser Theorie konstituieren sich Objekte mit Löchern oder Löcher in Objekten mit Oberflächen sogar als „füllbare Entitäten“ (Ebd.; Casati/Varzi 1994). Die bisherige Forschung, die zum Loch vorliegt, widmet sich vorrangig der philosophischen Auseinandersetzung
darüber, was ein Loch überhaupt ist. Die dafür verwendeten Beispiele aus dem Bereich der Alltagsgegenstände sind aus ontologischer Perspektive zweckhaft. Die in meinem Forschungsprojekt geplante Weiterführung, insbesondere der Theorie von Casati und Varzi in andere Gegenstandsbereiche, wie die intermedialer Kontexte, eröffnet ein neues Untersuchungsfeld. Denn die Träger von Löchern haben darin eine andere Qualität: Als Kunstwerke sind sie beispielsweise auch ästhetische Objekte, die ihren Status thematisieren, relativieren und expandieren.

Es wird deutlich, wie vielversprechend dieses Forschungsthema in der Kunst und visuellen Kultur der Moderne und Gegenwart angesiedelt ist, denn das Motiv des Loches zieht sich durch Fotografie, Skulptur, Malerei, aber auch durch Film, Literatur, Graphic Novel und Videospiel, worin das Loch entweder selbst ,substantieller‘ Bestandteil ist oder als Narrativ eingebunden wird. Das Loch ist durch die Umsetzung und Darstellung in diesen Medien ein Thema, das die Reflexion über die spezifischen medialen Grenzen und Möglichkeiten nicht auszuloten scheint, sondern mit einer gewissen Unschärfe operiert, da die Darstellung von Löchern die Ambiguität des zugleich Sichtbaren und Unsichtbaren überwinden muss. Das Loch ist auch eine Schwelle, ein Dazwischen, eine Eintrittspforte, ein unheimlicher Bereich.

Aber das Loch ist auch eine Metapher für das Sehen, für das Licht, das die Netzhaut des Auges trifft, wie es beispielsweise René Descartes in "La Dioptrique" darstellt. Die Kameralinse basiert auf einem Zylinder mit zwei Löchern, ein medienreflexiver Umstand, der in Film und Fotografie besonders in Erscheinung tritt. Welchen Effekt es hat, die Kamera gewissermaßen mit einem portablen Loch in einer Karte zu substituieren, führt die Arbeit von Yoko Ono "A Hole to See the Sky Through" von 1972/2013 vor Augen. Im Film eröffnet das Loch einen
metaphorischen Zugang oder auch Sprünge zwischen unterschiedlichen Räumen und Orten innerhalb der Narration oder es begleitet die Handlung, beispielsweise in den Filmen LE TROU (F 1960), ONIBABA (J 1964), SUNA NO ONNA (J 1964), und YELLOW SUBMARINE (UK 1968). Das Schwarze Loch ist im Film ein eigenes Thema, wofür hier beispielsweise THE BLACK HOLE (USA 1979) und INTERSTELLAR (USA 2014) angeführt werden.

Der optische Effekt der Absorption kann von Oberflächen ausgehen und somit die räumliche Gestalt ihres Trägers verändern oder gar tilgen. Im Bereich der Skulptur sind die Arbeiten von Anish Kapoor besonders hervorzuheben, weil sie nicht nur durch Werktitel wie "Void" (1989), "Descend into Limbo" (2012), "Dirty Corner" (2015) und "Descension" (2015) das Unbehagen der Geschlechterordnung anhand des Loches thematisieren. Ihre Umsetzung ist dabei sehr
unterschiedlich, so kann das Loch beispielweise im Museumsraum mit einem schwarzen Wasserstrudel gefüllt sein oder im Außenraum eine begehbare vaginale Form annehmen. Die Verfremdung von Oberflächen durch den Auftrag von lichtabsorbierenden Pigmenten ist bei Kapoor, der das Material Vantablack exklusiv verwendet, ein Thema. Das „schwärzeste Schwarz“, das bis zu 99.995% des Lichts absorbiert und aus Kohlenstoffnanoröhren besteht, wurde vom Massachusetts Institute of Technology entwickelt und lässt Linien und Kanten auf seinem Träger optisch nahezu verschwinden. Diesem Phänomen der Absorption von Licht steht die Verfremdung des Raumes durch die Flutung mit Farblicht, wie bei James Turrell, gegenüber. Eine weitere Arbeit von ihm, das "Roden Crater Project" (seit 1979), holt das Licht von außen durch ein Loch in den Innenraum.

Vor allem in der Malerei steht das Loch dafür, die Zweidimensionalität des Bildes auf unterschiedliche Art und Weise durchbrechen und erweitern zu wollen. In den Arbeiten von Lucio Fontana und Alberto Burri werden Löcher durch Schnitte oder durch das Versengen und Ausbrennen der Plastik- und Acryloberflächen erzeugt. Diese Praxis erzeugt eine nicht illusionäre Tiefe, wobei zwischen dem Riss, dem Schnitt und dem Loch differenziert werden muss. Hier ist das Beispiel mit den Fotografien der Serie Self portraits of you and me (2006-2008) von Douglas Gordon interessant, denn Augen und Münder sind in den Motiven ausgebrannt und die Löcher mit versengtem Rand im Fotopapier werden zu ikonoklastischen Spuren. In Caravaggios "Ungläubigem Thomas" (1600-1601) entsteht der Eindruck, dass die Seitenwunde im Leib Christi eins mit der Leinwand geworden ist. Das Einführen des Fingers in das Loch geht hier über eine taktile Bezeugung mit ikonografischer Signifikanz hinaus, denn die Darstellung dieses Motives macht auch eine künstlerische Reflexivität deutlich. Der immersive Effekt des Loches wird in der Literatur als metaphorischer Einstieg in eine Erzählung oder als Motiv, das einen Abschnitt durchzieht, wie beispielsweise der Fall durch das Kaninchenloch in Lewis Carrolls "Alice’s Adventures in Wonderland" (1865), oder auch grundlegend in den Videospielen "Silent Hill" (1999-2014) und "Portal" (2007) eingesetzt. Anhand dieser und weiterer Beispiele möchte ich mein Forschungsprojekt weiterführen und eine erste Systematisierung und Topologisierung des Loches im Hinblick auf die vielgestalten intermedialen Sichtbarkeits- und Wirkungsformen realisieren.

Bibliographie (Auswahl)
Aristoteles, Physik, Bücher V-VIII, übers. u. hrsg. v. Hans Günter Zekl, Hamburg 1987.
Bertamini, Marco & Croucher, Camilla J., „The Shape of Holes“, in: Cognition, 87, 2003, S. 33-54.
Carroll, Lewis, Alice’s Adventures in Wonderland, London 1865.
Casati, Roberto & Varzi, Achille C., Holes and Other Superficialities, Cambridge 1994.
Casati, Roberto & Varzi, Achille C., „Counting the Holes“, Australasian Journal of Philosophy, 82, 2004, S. 23-27.
Deleuze, Gilles & Guattari, Félix, Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrénie II, Paris 1980.
Einstein, Albert, „Prinzipielles zur verallgemeinerten Relativitätstheorie“, Physikalische Zeitschrift, 15, 1914, S. 176-180.
Hagen, Wolfgang, Das Loch. Beobachtungen vom Schwinden des Seins, Leipzig 2022.
Lewis, David & Lewis, Stephanie, „Holes“, in: Australasian Journal of Philosophy, 48 (2), 1970, S. 206-212.
Lewis, David & Lewis, Stephanie, „Casati and Varzi on Holes“, in: Philosophical Review, 105, 1996, S. 77-79.
Meadows, Philip John, „What Angles Can Tell Us about What Holes Are Not“, in: Erkenntnis, 78, 2013, S. 319-331.
Michel, Sascha, Leere. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt am Main 2024.
Nelson, Rolf & Palmer, Stephen E., „Of Holes and Wholes: The Perception of Surrounded Regions”, in: Perception, 30, 2001, S. 1213-1226.
Siegler, Martin, „Hohlozän“, in: Was uns ausgeht, Zeitschrift für Medienwissenschaft, zfm 1/2024, S. 57-59.
Siegert, Bernhard, „Türen. Zur Materialität des Symbolischen“, in: ZKM 1/2010, S. 151-170.
Suei, Akira, „,Lucky Hole‘, das Schwarze Loch (1991)“, in: Araki. Tokyo Lucky Hole, hrsg. von Burkhard Riemschneider, Köln 2015.
Tucholsky, Kurt, „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“, in: Die Weltbühne, 11, 1931, S. 389.
Varzi, Achille C., „The Magic of Holes“, in: Ordinary Things and Their Extraordinary Meanings, hrsg. von Pina Marsico & Luca Tateo, Charlotte 2019, S. 21-33.
Weingard, Robert, „Some Philosophical Aspects of Black Holes“, in: Synthese, Vol. 42, No. 1, 1979, S. 191-219.